ISolation

Datum: 19/11/2015
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Kategorien: Aktuell

eine Bissay*, von Wulf Kreutel

Angst. Wie geht es nun nach dem neuerlichen Freitag, dem 13. in Paris, aber auch Beirut, dem Sinai, Bagdad, Madrid, London, Moskau, New York, Damaskus, Nairobi etc. pp weiter?

Sehr gute Frage.

Die Ratlosigkeit, auch das Datum erinnern an die Fassungslosigkeit der alten Welt, als sie Ende des 13. Jahrhunderts nicht nur von den Reitern der Goldenen Horde drangsaliert wurde, sondern mit ihnen Ăźber die Seidenstraße auch die aufgescheuchten Wanderratten und deren eingenisteter Pestfloh Ăźber Assyrien und dann Messina/Sizilien eingeschleppt bekam. Spätestens ab 1347 wĂźtete der „schwarze Tod“ (schwarz, wie die eitrigen Beulen, die sich um die Lymphknoten der Erkrankten bildeten) dann in ganz Europa. Weder Adel noch Klerus blieben verschont, KĂśnige wie Bettler, Priester wie Gelehrte fielen dem Bakterium „yersinia pestis“ zum Opfer.

„Brunnenvergifter“

Allerdings wußte damals keiner vom Zusammenhang der Ratten, dem Floh, geschweige denn dem Bakterium. Und die alten, vom Klerus tradierten Rezepte, sprich: „Frommes Leben, Enthaltsamkeit, hierarchische Ordnung“, funktionierten zum Selbstschutz offenkundig nicht mehr. Ergo entfesselten sich Angst, dann Wut. Und die Wut traf – nicht zum ersten Mal – die vermeintlich „Schuldigen“: Zehntausende Juden wurden in ganz Europa als „Brunnenvergifter“, die angeblich die Christen umzubringen suchten, marginalisiert, verfolgt, im besten Falle eingekerkert, ihr VermĂśgen konfisziert, aber im Normalfalle bei lebendigem Leibe gepfählt, verbrannt, erschlagen. Als kaum noch Juden lebten, kamen die so genannten „Hexen“, die Frauen dran, welche vermeintlich „Teuflisches“ schon aus biblischer Lesart in sich trugen,erst recht, wenn sie altes Naturwissen zur Heilung der Pest weiter gaben. Schließlich fielen alle so genannten „Häretiker“, „Antichristen“ und „Blasphemiker“ der Wut zum Opfer: Katharer in SĂźdfrankreich, Arianer in Sizilien und Nordspanien, Templer und Freimaurer in Mitteleuropa. Erst, nachdem trotz des größten Genozids in Europa, nach Millionen Pestopfern, Frauenlosen Städten, kaum noch ein Jude, Katharer oder sonst eine argwĂśhnisch stigmatisierte BevĂślkerungsgruppe Ăźberlebte – und dennoch kein sichtbarer Erfolg auftrat, im Gegenteil die Pest immer weiter ganze Landstriche entvĂślkerte, wurde den Überlebenden allĂźberall klar, daß weder Gott noch Kirche, weder Ethnie, Geschlecht noch sozialer Stand die Ursache des schwarzen Todes sein konnten. Das Mittelalter, die hierarchisch organisierte Begrenzung des Wissens, hauchte seine Zeit im fauligen Atem der Pest aus.

Alte Rezepte 

So begann die Renaissance zu dämmern, aus dem Dunkel endlich in die MorgenrĂśte der Forschung, Wissenschaft und Aufklärung und vor allem Säkularisierung zu treten, die bis heute das so genannte Abendland umfassend geistig reformierte. Es war die Pest, die die Macht der Kirchen begrenzte. Nicht die Politik. Ähnlich wie damals funktionieren die alten Rezepte nicht mehr und wir taumeln vermutlich in eine Art dunkler Trinität aus Angst, Wut und Hysterie, bevor wir gänzlich neue Erkenntnisse zur Eindämmung dieses neuerlich einfallenden „Schwarzen Todes“ erhalten. Es ist nicht von ungefähr, daß sich die MĂśrder der namenwechselnde Hydra die schwarze Flagge, die alte Pestflagge verseuchter Schiffe, Quarantäneschiffe, die in keinen Hafen einlaufen durften, welche später auch die Piraten als Allegorie des Todes wählten, zur Ikonisierung ihrer kranken, dem irrationalen BĂśsen verseuchten Doktrin des Terrors ausstilisierten.

Es hat Jahrhunderte gedauert, bis das Pest-Bakterium in der Neuzeit identifiziert und isoliert werden konnte. Doch Menschen, auch MÜrder sind keine unter dem Reagenzglas wimmelnden Bakterien, auch wenn sich in de Frage der Vergleich mehr als aufdrängt. Sie sind identifizierbar. Doch wo ist der Herd? Wie gewinnt eine aufgeklärte Welt den Kampf gegen eine nicht nur rßckwärtsgewandte, sondern auch suizidäre, also im Grunde nicht lebensfähige Struktur?

Im Fieber

Die fiebrige Antwort lieferte gleich einer der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Berthold Kohler: „Im Weltkrieg“. Wenn wir die Welt als KĂśrper betrachten und dieser aufgrund des viral auftretenden Terrors nun in ein Fieber zum Selbstschutz verfällt, liegt Kohler gar nicht mal so falsch. Allerdings braucht es mit dem richtigen Medikament vielleicht gar kein Fieber, ergo keinen Weltkrieg. Und ähnlich der Forschung nach Krankheitsherd und Struktur muss auch im Falle des asymmetrisch wie viral operierenden IS die Fortpflanzungs- und Bewegungsstruktur des Infektionsherds identifiziert, isoliert und ausgetrocknet werden. Und da wir, auch wenn es schwer fällt, von Menschen sprechen, die den Tod bringen, muss deren virale Basis ausgetrocknet werden. Beim Bakterium ist das Blut bzw. das Blutplasma, worin sich dessen Leben fortpflanzt und erst stirbt, wenn der Wirt verendet. Insofern ein ähnlicher Vergleich, denn auch der IS bedient sich am Wirt und erzeugt keine lebensfähigen Modelle, nicht einmal fĂźr sich selbst.

Geldfluß

Arnold Böcklin: "Die Pest", Ölbild, 1898

Illustration: Das Ölbild „Die Pest“, 1898 vom Schweizer Kunstmaler und Symbolisten Arnold BĂścklin erschaffen, als dieser selber beinahe an der Cholera starb.

Also, was ist das Serum eines Menschen heute? Das Geld! Identifiziert werden sollten die Finanzierer und Förderer des IS, deren Geschäftsstrukturen und Kapitalströme. Täglich verkauft der IS zur Finanzierung seiner Horden allein aus den besetzten syrischen Ölquellen Erdöl im Werte vo derzeit 50 Millionen US-$. Täglich! Wer kauft das? Wohin geht das? Wie wird das transportiert? Wo wird bezahlt? Das sind kolossale Mengen, die nicht einfach so in einer Aktentasche versteckt werden können! Bringen wir die Kapitalströme zum Austrocknen, auch wenn es dauern mag, so enden auch die viralen Infektionswege des IS. Das ist leichter gesagt, als getan. Ja. Aber mit Beten, Pogromstimmung und Angst kommen wir, siehe 1347, sicherlich auch nicht weiter.

The Living Dead

In der TV – Serie „The Living Dead“ flĂźchtet die Gruppe Ăźberlebender Protagonisten in ein leer stehendes Gefängnis, um sich dort hinter Gittern vor den Zombies zu schĂźtzen. Sie fĂźhren darin ein relativ sicheres, aber beengtes Leben, bis sie feststellen, daß nicht nur die Zombies draußen The Living Dead sind – sondern mittlerweile auch sie selbst! Sie entscheiden sich schließlich fĂźr den Ausbruch. Und dafĂźr, die Ursache der Krankheit zu erforschen, auszutrocknen. Das dauert. Aber es muß an die Ursachen gehen, denn das Gefängnis, das die Freiheit sichert, wenn man darinnen lebt, sichert den draußen wĂźtenden Monstern gleichsam deren Existenz. Nur Vernunft, Wissen, Aufklärung obsiegen.

Unbewegliches Isolieren

Illustration: Das Ölbild „Die Pest“, gemalt 1898 von Arnold BĂścklin, als dieser selber beinahe an der Cholera starb. Erst wenige Jahre zuvor gelang es dem japanischen Immunologen Kitasato, einem SchĂźler von Robert Koch, wie auch fast zeitgleich BĂścklins Landsmann, dem Schweizer Alexander Yersin, den Bazillus Yersinia Pestis, ein unbewegliches, gramnegatives Stäbchen (Metaphern erwĂźnscht) zu entdecken und zu isolieren.

Nicht zufällig prägte bis zu diesem Zeitpunkt der Symbolismus in der Malerei als auch die „gothic novel“ in der Literatur, mit Bram Stokers 1897 geschaffenen „Dracula“ z.B., die zwischen industriellem Aufbruch und dem im Ungeheuren verhafteten Denken der alten Zeit die Kulturgeschichte des ausgehenden 19. Jahrhunderts, des „Fin de SiĂŠcle“.

Das Licht liegt nicht in der Angst, sondern der aus ihr hervorgehenden Erkenntnis.

Das sollten diejenigen wissen, die das BĂśse nun mit Fackeln zu trachten suchen.

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* bissay = bissiger Kommentar + Essay

Arnold Böcklin: "Die Pest", Ölbild, 1898
Arnold Böcklin: "Die Pest", Ölbild, 1898

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